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Das Godescalc-Evangelistar

Das Godescalc-Evangelistar

Eine Prachthandschrift für Karl den Großen

Von Karl dem Großen persönlich zwischen 781 und 783 in Auftrag gegeben, kommt dem Godescalc-Evangelistar als liturgischer Prachthandschrift eine sowohl kunsthistorisch als auch historisch herausragende Bedeutung zu. Dem Reichtum und Rang der hohen Auftraggeber entsprechend, ist es mit allen Mitteln der Schreib- und Malkunst ausgestattet, die am Hofe verfügbar waren: Die goldene und silberne Tinte steht auf kostbarem Purpurpergament, die Seiten sind mit reichem Ornamentschmuck verziert und eine Reihe von sechs ganzseitigen Miniaturen eröffnet den Text.

Der Glanz des Himmelreiches

Godescalcs Gedicht ehrt Karl den Großen als siegreichen Helden, idealen König und großen Bibliophilen. Darüber hinaus umkleidet die Widmung die prachtvolle Ausstattung der Handschrift mit einer symbolischen Deutung: Die edlen Materialien Gold, Silber und Purpur sollen mit ihrer großen Leuchtkraft an den Glanz des Himmelreiches und des ewigen Lebens erinnern. Das Wort Gottes soll in angemessener Form, “in würdigem Glanze funkelnd”, auf Pergament niedergeschrieben sein.

Ein karolingisches Meisterwerk in Silber und Gold

Das prachtvolle Evangelistar enthält die Evangelienlesungen (Evangelienperikopen) in der liturgischen Abfolge des Kirchenjahres, verfasst in Gold und Silber auf kostbarem Purpurpergament. Das elegante, ebenmäßige und schwungvolle Textbild ergibt sich durch die Verwendung einer Kombination aus Unziale, früher karolingischer Minuskel und Capitalis rustica.

Eingeleitet wird die Handschrift von sechs kostbar verzierten ganzseitigen Miniaturen: vier Evangelistenbilder, eine Christusdarstellung sowie das Bild eines Lebensbrunnens, der hier als Motiv zum ersten Mal überhaupt in einem erhaltenen Evangelistar auftaucht. Auf 127 Blättern im Format 310 x 210 mm lassen sich neben den Miniaturen wunderschöne ornamentale Dekorationen in Rahmen, Initialen und Zierseiten finden. Die sorgfältige Anlage des Textes und der Reichtum des Schmuckes machen das Godescalc-Evangelistar zu einer der kostbarsten Handschriften, die aus karolingischer Zeit überliefert sind.

Die Entstehung der Handschrift

Im Widmungsgedicht auf den Folios 126v-127r verrät die Handschrift ihre namhaften Auftraggeber: Das Evangelistar wurde von Karl dem Großen (reg. 768-814) und seiner Gemahlin Hildegard (gest. 783) in Auftrag gegeben. Es sollte ein Buch angefertigt werden, das eine Abfolge der Evangelienlesungen gemäß dem Verlauf des liturgischen Jahres enthält. Begonnen im Jahr 781 und beendet im Jahr 783, wurde das Evangelistar anlässlich Karls Italienzuges im Jahr 780/781, mit dem Aufenthalt Karls in Rom am Grabe des Heiligen Petrus und der Taufe seines Sohnes Pippin durch Papst Hadrian I., angefertigt. Der Schreiber der Handschrift, Godescalc, dessen Namen das Evangeliar trägt, begleitete Karl den Großen auf dieser Reise und verewigte den Italienzug in seinem Widmungsgedicht.

Die Hofschule Karls des Großen

Das Godescalc-Evangeliar gilt als das früheste bekannte Manuskript, das im Skriptorium der Hofschule Karls des Großen in Aachen entstanden ist. Aus dieser Schule sind heute noch acht komplette Handschriften sowie ein Fragment erhalten. Die bekanntesten Manuskripte aus dieser Gruppe sind die Evangeliare aus Soissons und Lorsch. Alle Manuskripte dieser Gruppe sind durch einen unverwechselbaren Stil gekennzeichnet: Die Miniatoren der Hofschule strebten danach, sich von der Flächenbindung insularer Buchmalerei zu lösen, und stattdessen Räumen und Figuren durch eine modellierende Verwendung von Farbe Tiefe zu geben, was eher spätantiken Bildtraditionen entspricht.

Stilreichtum der karolingischen Renaissance

Die künstlerische Übergangsposition des Godescalc-Evangelistars zwischen insularen und antikisierenden Elementen spiegelt sich unter anderem in den Rahmen der Evangelisten-Bildern wieder: Die Rahmen der Miniaturen von Markus und Lukas sind mit antikisierenden Wellenband- und Akanthus-Ornamenten geschmückt, der Rahmen des Porträt von Johannes jedoch mit insularen Flechtwerkmustern. Das Godescalc-Evangelistar sowie die anderen Manuskripte aus der Hofschule in Aachen sind aufgrund ihrer stilistischen Heterogenität kunsthistorisch äußert bedeutsam und symbolisieren das große Ziel der karolingischen Kunst: die Rückgewinnung der plastischen und räumlichen Werte der spätantiken Malerei.

Das Evangelistar im Laufe der Jahrhunderte

Das Godescalc-Evangelistar ist gleichsam ein Dokument der Anfänge der großen karolingischen Erneuerung, der ersten Schritte auf dem Weg in die Zukunft der karolingischen Kunst und ein Denkmal der Frühzeit Karls des Großen.

Das kostbare Evangelistar wanderte im Laufe der Jahrhunderte durch mehrere Hände und Sammlungen: Nach dem Tod Karls des Großen schenkte Karls Sohn Ludwig der Fromme (reg. 813/14-840) die Handschrift der Basilika Saint-Sernin in Toulouse, wo sie mehrere Jahrhunderte aufbewahrt wurde. In den Revolutionsjahren wurde das Manuskript im Museum von Toulouse aufbewahrt, bevor es 1811 in die Sammlung Napoleons überging. Seit 1872 ist die Handschrift in der Bibliothèque nationale de France in Paris unter der Signatur Ms. Nouv. Acq. Lat. 1203 zu finden.

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